Wie schön es ist, dem eigenen Element Ausdruck zu verleihen
Von Martina Holzer Geromin
Jeder Künstler war anfangs ein Amateur. (Ralph Waldo Emerson)
In ein Konzert zu gehen und schöner Musik zu lauschen, ist allemal ein Genuss. Er mündet aber in Faszination, wenn Musiker, Musikinstrument und Musik eins werden, wenn dabei eine Atmosphäre der Verschmelzung entsteht, wenn das Publikum in eine suggestive Realität abtaucht, die für magische Momente sorgt und alles um sich vergessen macht.
Als das junge, erst zwölfjährige Mädchen die Bühne betrat, um seine Musikstücke zum Besten zu geben, glaubte ich, einer schönen Darbietung beiwohnen zu dürfen, wie ich sie schon so oft erlebt hatte. Die jungen Musiker gaben schon seit Jahren immer ihr Bestes. Von Jahr zu Jahr konnte man ihre Fortschritte beobachten und sich an ihrer Liebe zur Musik erfreuen.
Dieses Mal war aber etwas Besonderes geschehen, etwas Magisches, ja, fast etwas Göttliches. Dieses Mädchen, an sich sehr zurückhaltend und leise, ging von Note zu Note eine magische Verbindung mit seiner musikalischen Welt und seinem Instrument ein.
Aus einem kleinen Amateur ist eine Künstlerin geworden, die nicht nur in der Musik aufging, sondern dieselbe ihre eigene Note verpasste, mit den Tasten spielte, sie beherrschte und sich mit dem Instrument vereinte. Es entstand eine Einheit, die sich auf das Publikum auswirkte. Jeder einzelne Zuhörer wurde in diese außerordentliche Welt der musikalischen Schönheit eingefangen. Schloss man die Augen, glaubte man, dem Spiel einer ausgereiften Musikerseele zu lauschen. Umso überwältigender war es, zu erkennen, dass diese so junge Künstlerin außer ihrer Musik nichts mehr um sich herum wahrnahm. Ihre Jugend verlieh ihr im Spiel eine Form von Anmut, eine Sicherheit, eine Ausstrahlung von Perfektion und Göttlichkeit.
Im Spiel kommt sie in ihr Element. Ihr Klavierspiel ist ihre Welt, im Klavierspiel wird sie sie selbst, entdeckt sie ihr Wesen, entfaltet sie ihre ureigene Energie. Ihr Instrument und sie sind nichts Getrenntes, es ist eine Freundschaft, eine gegenseitige Abhängigkeit, ein Füreinander-Dasein.
In dem Moment, in dem sie ihrem Ruf folgte, in dem sie begonnen hatte, ihre Zeit immer mehr dem zu widmen, was sie innerlich glücklich macht, entwickelte sie sich, Schritt für Schritt, vom Amateur zum Künstler. Jede Minute, in der sie sich ihrem Element hingibt, erfüllt sie mit Freude, mit einem Gefühl, das zu tun, wofür sie bestimmt ist.
Das Üben ist keine Arbeit, es ist eine Hingabe, es ist die Möglichkeit, in den Fluss einzutauchen, sich seinem Element immer wieder aufs Neue zu nähern und sich über das Üben zu perfektionieren, seinen eigenen Ausdruck zu finden, sich über das Spielen der Noten nicht nur eine Technik anzueignen, sondern seine eigene Ausdrucksweise zu finden und dieser ihre persönliche Note aufzuerlegen.
Der eigenen, persönlichen Kreativität zu folgen und über seine leidenschaftliche Auseinandersetzung eine neue Welt entstehen zu lassen, die nicht nur den Künstler befriedigt, sondern auch die Zuhörer. Eine Faszination, die einen tief im Herzen trifft, die einem erkennen lässt, wie vielfältig die Ausdrucksmöglichkeiten sind.
Die junge Künstlerin hat ihr Element gefunden, sie weiß genau, wohin sie ihr Weg führen wird. Mit ihren zwölf Jahren hat sie erkannt, dass sie über die Schiene ihrer eigenen persönlichen Vorliebe eine aufregende Gegenwart gestalten kann und eine vielversprechende Zukunft vor sich hat.
Sie scheut keine Mühen, ihre tägliche Arbeit ist nämlich keine Arbeit im negativen Sinn, sondern eine Möglichkeit, in ihrem Element aufzugehen und es voranzubringen. Mit sich selbst im Einklang zu sein, sich mit seinen Urgewalten zu einigen und über sich hinauszuwachsen, macht nicht nur sie glücklich, sondern auch die Menschen, die sie umgeben, die ihr zuhören, die sie begleiten...
Sein eigenes Element zu finden und es zu hegen und pflegen, ist unsere wahre Aufgabe. Das muss nicht im Klavierspiel sein, es kann in kleinen Dingen liegen, in den Dingen, die unser Herz mit Freude erfüllen. Vielleicht liegt darin der Erfolg?
Nach Ralph Waldo Emerson bedeutet Erfolg im Leben unter anderen folgendes:
"Oft und viel zu lachen;
die Schönheit zu bewundern, in anderen das Beste zu finden;
die Welt ein wenig besser zu verlassen, ob durch ein gesundes Kind, einen bestellten Garten oder einen kleinen Beitrag zur Verbesserung der Gesellschaft;
zu wissen, dass wenigstens das Leben eines Menschen leichter war, weil Du gelebt hast – das bedeutet, nicht umsonst gelebt zu haben."
Weiters sagt er auch: "Ich brauche nur das zu tun, was ich will, und nicht, was die anderen von mir erwarten..."
Er meint zudem, dass Glück eine andere Bezeichnung für Willensstärke sei, die Willensstärke, sein Element auszuleben, dafür zu arbeiten und es in Glanz zu tauchen. Einen Glanz, der nur erreicht wird, wenn man sich über den täglichen Einsatz aus einem Amateur zum Künstler entwickelt, zu einem Künstler mit einer eigenen, ganz einzigartigen Persönlichkeit, welche die Welt bereichert.
Genau das ist dieser jungen Künstlerin gelungen. Die Einzigartigkeit ihres Spiels hat ins Herz der Zuhörer getroffen, die Leichtigkeit ihres Ausdrucks, die Macht der Klänge sind in die Tiefe der Seele eingedrungen.
Ihr Weg als Künstlerin hat gerade erst begonnen. Er wird sie aber weiterführen in eine Welt, die selbst ihr noch nicht ganz klar zu sein scheint. Tatsache ist aber, dass sie über den Ausdruck ihres Talents und die Würde, wie sie damit umgeht, sich vom Amateurdasein verabschiedet hat, um in der Kunst ihren Weg zu gehen.
Martina Holzer Geromin ist Coach und Erziehungsberaterin, Mitbegründerin von www.trans4mind.de und bietet neben Einzelberatungen auch sämtliche Workshops an (siehe www.be-you-unique.com).
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